SINS: Wenn der Darm zum Ausgangspunkt eines Entzündungsgeschehens wird

SINS wirkt äußerlich lokal, hat seinen Ursprung jedoch häufig im Darm. Erfahren Sie, wie Fütterung und Wassermanagement das Entzündungsgeschehen beeinflussen.

Swine Inflammation and Necrosis Syndrome, kurz SINS, zeigt sich an Schwanz, Ohren, Zitzen oder Klauen. Was auf den ersten Blick wie ein lokales Problem aussieht, kann jedoch Ausdruck eines Entzündungsgeschehens sein, das im Inneren des Tieres beginnt. Besonders Fütterung, Wassermanagement spielen dabei eine wichtige Rolle. Entscheidend ist deshalb, die Entstehung von SINS als Prozess zu verstehen.

SINS beginnt nicht am Schwanz

Veränderungen an Schwanzspitze, Ohren oder Kronsaum werden in der Praxis schnell mit äußeren Einflüssen in Verbindung gebracht. Bei SINS liegt der Ausgangspunkt jedoch nicht zwangsläufig dort, wo die Veränderungen sichtbar werden.

Denn SINS ist ein endogenes Geschehen. Die Entzündungsprozesse entstehen im Körper des Schweins und können sich anschließend an verschiedenen Körperstellen manifestieren. Schwanz, Ohren, Zitzen, Ballen, Klauen und Kronsäume sind dabei besonders auffällig. Auch Veränderungen im Gesicht können auftreten.

Ein frühes Anzeichen kann Borstenausfall sein. Im weiteren Verlauf können die Tiere weniger aktiv werden oder Fieber entwickeln. Gleichzeitig können Veränderungen im Körperinneren auftreten, die äußerlich nicht zu erkennen sind. Dazu gehören beispielsweise histologisch nachweisbare Schäden an der Leber.

Besonders bemerkenswert: Saugferkel können bereits mit entsprechenden Veränderungen geboren werden. Damit wird deutlich, dass die Ursachen nicht erst nach der Geburt entstehen müssen. Der Zustand der Sau und die Belastung ihres Stoffwechsels spielen eine wichtige Rolle.

Wie kommt es zur Entzündung?

Um SINS zu verstehen, lohnt sich ein Blick in den Darm. Denn verschiedene Faktoren aus Fütterung und Management können zunächst die normale Darmfunktion beeinträchtigen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Koprostase. Damit ist eine Stauung von Kot im Dickdarm gemeint. Der Darminhalt verbleibt länger als vorgesehen im Dickdarm und schafft damit Bedingungen, unter denen sich Bakterien übermäßig vermehren können. Genau hier setzt eine mögliche Entstehungskette von SINS an.

Eine unausgewogene Fütterung – beispielsweise mit hohen Stärke- oder Proteingehalten – kann ebenso wie eine unzureichende Wasserversorgung oder andere Managementfaktoren die Darmtätigkeit beeinträchtigen. Auch eine Belastung mit Mykotoxinen kann den Organismus und insbesondere den Verdauungstrakt zusätzlich beanspruchen.

Kommt es zu einer verlangsamten Darmpassage, kann sich Kot im Dickdarm stauen. Im Darminhalt können sich die Bedingungen für die dort lebenden Bakterien verändern. Gleichzeitig können vermehrt bakterielle Abbauprodukte entstehen. Normalerweise bildet die Darmwand eine wichtige Schutzbarriere zwischen dem Darminhalt und dem Körperinneren. Sie verhindert weitgehend, dass unerwünschte Stoffe aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangen.

Ist diese Blut-Darm-Schranke jedoch beeinträchtigt, können bakterielle Bestandteile und Abbauprodukte leichter die Darmwand überwinden. Eine besondere Bedeutung haben dabei Endotoxine, die unter anderem aus der Zellwand bestimmter Bakterien stammen. Damit verändert sich die Situation grundlegend: Stoffe, die eigentlich im Darm bleiben sollten, gelangen in den Organismus. Der Körper erkennt diese bakteriellen Bestandteile als Gefahrensignal und reagiert darauf. Das Immunsystem wird aktiviert und setzt eine Entzündungsreaktion in Gang.

Bevor solche Stoffe den gesamten Körper erreichen, spielt die Leber eine wichtige Rolle. Sie ist unter anderem dafür zuständig, Stoffe aus dem Darm zu verarbeiten und unschädlich zu machen. Bei einer hohen Belastung kann die Leber jedoch an ihre Grenzen kommen. Das kann insbesondere dann problematisch werden, wenn gleichzeitig ein hoher metabolischer Umsatz besteht und größere Mengen bakterieller Abbauprodukte aus dem Darm anfluten.

Die Folge: Die Belastung bleibt nicht auf den Darm beschränkt. Entzündungsfördernde Signale können den gesamten Organismus erreichen und eine systemische Immunreaktion auslösen.

Damit lässt sich die Entstehung von SINS als eine Kette verstehen:

Ungünstige Fütterungs- oder Managementbedingungen können die Darmfunktion beeinträchtigen. Eine verlangsamte Darmpassage kann eine Koprostase begünstigen. Gleichzeitig können sich bakterielle Prozesse im Dickdarm verändern. Wird die Darmbarriere durchlässiger, gelangen bakterielle Abbauprodukte wie Endotoxine in den Körper. Die Leber wird belastet und das Immunsystem aktiviert. Es entsteht eine systemische Entzündungsreaktion.

Warum sind ausgerechnet Schwanz und Ohren betroffen?

Eine zentrale Frage bleibt: Wenn der Prozess im Darm beginnt, warum sieht man die Folgen dann besonders häufig an Schwanz, Ohren oder Klauen?

Hier kommt die Durchblutung der peripheren Körperbereiche ins Spiel.

Im Rahmen der systemischen Entzündungsreaktion können auch die kleinen, terminalen Blutgefäße betroffen sein. Die Akren – also die vom Körperzentrum weit entfernten Bereiche – reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen der Durchblutung. Dadurch können Gewebeabschnitte an Schwanz, Ohren, Zitzen oder Gliedmaßen geschädigt werden. Im weiteren Verlauf können Nekrosen entstehen. Die sichtbare Veränderung am Schwanz ist damit nicht unbedingt der Beginn des Problems. Sie kann vielmehr das sichtbare Endergebnis eines Prozesses sein, der wesentlich früher und an anderer Stelle im Körper begonnen hat.

Die Fütterung ist eine wichtige Stellschraube

Gerade deshalb lohnt es sich, bei SINS nicht nur die betroffenen Körperstellen zu betrachten. Wer die Ursache finden möchte, muss auch Fütterung, Wassermanagement und Haltungsbedingungen in den Fokus nehmen.

Bei der Rationskontrolle sollten insbesondere die Gehalte an Rohfaser und Rohprotein überprüft werden. Auch der Stärkegehalt sollte kritisch betrachtet werden. Ziel muss eine Ration sein, die zur jeweiligen Tiergruppe passt und eine stabile Verdauung unterstützt.

Daneben gehört das Wassermanagement auf den Prüfstand. Entscheidend ist nicht allein, ob Wasser vorhanden ist. Auch Wasserqualität, Zugänglichkeit und ausreichendes Angebot müssen stimmen.

Ein weiterer Punkt ist die Mykotoxinbelastung. Mykotoxine können den Organismus belasten und sollten deshalb bei der Ursachenanalyse berücksichtigt werden. Je nach Situation kann auch der Einsatz eines Mykotoxinbinders sinnvoll sein.

Auch die Sau im Blick behalten

SINS beginnt nicht zwingend beim Ferkel. Dass Ferkel bereits mit entsprechenden Veränderungen geboren werden können, macht die Sau zu einem wichtigen Ansatzpunkt.

Fütterung und Management der Sau beeinflussen ihren Stoffwechsel, ihre Darmgesundheit und ihre allgemeine Belastung. Eine starke Belastung der Sau kann sich entsprechend auch auf die Ausgangssituation der Ferkel auswirken.

Die Aussage „Kein Ferkel ist gesünder als seine Sau“ bekommt bei SINS daher eine besondere Bedeutung.

Für den Betrieb bedeutet das: SINS sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn deutliche Nekrosen sichtbar sind. Borstenausfall kann ein frühes Warnsignal sein. Werden zusätzlich Veränderungen an Schwanz, Ohren, Zitzen, Kronsaum, Ballen oder Klauen beobachtet, sollte genauer hingesehen werden. Dabei reicht es nicht, die sichtbare Veränderung zu behandeln oder ausschließlich nach einer äußeren Ursache zu suchen. Vielmehr sollte die Frage gestellt werden: Was könnte den Entzündungsprozess im Tier ausgelöst oder begünstigt haben?

Ein strukturierter Blick auf Ration, Rohfaser- und Rohproteingehalt, Wasserangebot, Mykotoxinrisiken und die allgemeinen Haltungsbedingungen kann dabei wichtige Hinweise liefern.

SINS ist kein reines Problem einzelner Körperstellen und auch keine Folge von Schwanzbeißen. Hinter den sichtbaren Veränderungen kann ein systemisches Entzündungsgeschehen stehen, dessen Ursachen unter anderem im Bereich von Fütterung und Management liegen.

Für den Betrieb bedeutet das: Früh erkennen, Ursachen systematisch suchen und die Stellschrauben bei Fütterung, Wasser und Management überprüfen.

Fragen Sie gerne bei Ihrem:r Sano-Fachberater:in nach.

 

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